Eigentlich war ich nur auf der Suche nach dem Ansatz einer Story, einem kleinen Keim für eine Geschichte, deren logisches Umfeld zu erfinden mir meine Abende versüßen sollte.
Aufmerksames Beobachten und empfindliche Ohren gehören selbstverständlich zu meinem Handwerkszeug und sind allzeit bereit. Auch, wenn ich mit den Gedanken bei der Vorbereitung des Abendessens und der daraus resultierenden Zusammenstellung des Einkaufszettels bin.
Meine Freude an der Zubereitung eines unkonventionellen Mahls war umso größer als ich in freudiger Erwartung der Freizeit danach sein konnte. Immer mehr pflegte ich das Genre des Morbiden. Der Hang dazu kam nicht von Ungefähr.
So kam es auch, dass ich bei meinen regelmäßigen Spaziergängen auf den Dorfwiesen auf einen Garten aufmerksam wurde, der wie Falschgeld in der Landschaft stand.
Inmitten der Streuobstwiesen wirkte das Areal wie eine betonierte Festung riesigen Ausmaßes, die durchaus ihre abstandshaltende Wirkung entfaltete, indem auch ich, als extrem neugierige Person, wie selbstverständlich einen weiten Bogen darum zog.
Trotz meiner regen Phantasie befand ich mich jedoch in einem unangenehmen kreativen Loch, das mich über meine eh schon sehr weit gesteckten Grenzen hinaus sogar für offensichtlich Ungeeignetes sensibilisierte.
Den Garten habe ich schon oft mit Abstand wahrgenommen. Letzte Woche kam zu meinem Leistungstief aber auch noch der Wunsch nach wenig Begegnungen auf meinem Spaziergang dazu. So nahm ich einen unüblichen, parallel zum befestigten Weg verlaufenden Grasweg, um nicht die Menschen zu treffen, die mit mir den gleichen Weg eingeschlagen hatten und mir weit sichtbar entgegenkamen.
Selstsamerweise zog mich der Garten magisch an und ich schlug in freudiger Erwartung die neue Strecke ein, die direkt an dem Areal entlang führte.
Der Tag war von sehr wechselhaftem Wetter, Regenschauer beherrschten meinen Ausflug, die schon in der Nacht zuvor alles aufgeweicht hatten. Unter dem Aspekt wäre die Wahl für den geteerten Weg die bessere gewesen, aber meine Ausrüstung konnte ohne weiteres auch dem grasbewachsenen Abseits standhalten. Also ging ich forsch auf den Garten zu. Die anfangs solide Grasnarbe wich zunehmend der darunterliegenden Erdschicht, da der Weg scheinbar öfters als Zufahrt genutzt wurde. Solche Spuren waren in der Gegend eher selten, obwohl die zahlreichen Streuobstwiesen von mehr oder weniger intensiver Pflege sprachen. Trotzdem war kaum ein Auto hier oben zu sehen, außer zu den üblichen Baumschnitt – oder Erntezeiten. Das Gebiet, in das ich jetzt lief, zeigte, hingegen der restlichen Umgebung, eine deutlich größere fürsorgliche Betreuung. Die Wiesen waren regelrecht gepflegt wie ein, zugegeben schlampiger, englischer Rasen. Es lag kein verrottetes Laub unter den Bäumen oder unaufgeräumte Haufen vergammelten Obstes nebendran. Die Ränder der Raine waren akkurat gesäumt und man konnte nicht wirklich von Unkrautwuchs oder Moosbefall reden. Von außergewöhnlichem, aber nicht besorgniserregend guter Qualität.
Wie eine Festung ragte der heckenumfasste Garten vor mir auf. Ein schwarz gestrichenes, blickdichtes Holztor als negative Demonstration einer Einladung ging vom Weg ab. An dieser Stelle war der Garten etwas eingezogen, aber immernoch in perfekter Geometrie eingebunden. Obwohl ich eigentlich ein gutes Augenmaß für Abstände und Entfernungen hatte, trügte mich doch bei meinem Abstand von etwa achtzig Metern die Gewissheit, über die Hecke sehen zu können. Beim Näherkommen türmte sich das grüne Bollwerk mindestens auf das Doppelte meiner eigenen Körpergröße auf und meine Vorfreude auf Einblick sank gegen Null. Es war sehr klar, dass vom Besitzer nicht der geringste Wunsch bestand, mit dem Innern des Gartens angeben zu wollen. Jedenfalls nicht bei ungeladenen Gästen.
Den Blick geprägt durch die schwindende Chance, irgendetwas Mysteriöses außer der seltsamen Einzäunung selbst an dem Areal zu entdecken, schaute ich mich in der unmittelbaren Umgebung um. Da war ein kleiner Hain mit einer Tanne und hohen Büschen gegenüber dem riesigen Gartentor in etwa zwanzig Schritt Entfernung. Dort, in einer kleinen, ausgehauenen Nische befand sich ein selbstgefertigtes Bänkchen mit Rückenlehne. Erstmal erregte es bei mir keine besondere Aufmerksamkeit. Sowas kommt in der Aussichtslage der Umgebung schon mal vor. In der weiten Flucht konnte man auf die nahe Stadt und das Gebirge im Hintergrund sehen, dessen Ausblick Flachländern durchaus eine Rast auf einem Bänkchen wert war.
Ohne dass ich mir meines Weges bewusst war, ging zu dem vergleichsweise unordentlichen Stück Wildwuchses und der Bank. Sie war eher notdürftig zusammengenagelt und lud nicht gerade zum Verweilen ein. An der einen Seite war ein in Cellophan eingepackter, vertrockneter Blumenstrauß angebunden. Darunter lagen zwei leere Kokosnussschalen auf dem trockenen Erdboden, der von dem dichten Tannenwuchs vor Nässe geschützt war.
Bei näherem Hinsehen waren da noch mehrere zerknüllte, alte Cellophanhüllen rings um die Nusshälften, die schon grünlich schimmerten. Ihre materialbedingten Eigenschaften waren wohl mehr dazu geeignet, die Nässe aufzunehmen, als der erdige Boden, der sofort alles in seine Tiefen saugte.
Erst als ich wieder zum Garten zurückgehen wollte, fiel mir die sinnlose Positionierung der Bank auf, die nicht einen Panoramablick über das weite Tal offenbarte, sondern sich in einer Linie auf das schwarze Holztor des Gartens konzentrierte. Der Abstand war so gering, dass neben dem Tor als Sichtzentrum das Sehfeld zusätzlich durch die rechts und links angrenzende Hecke der Schmalseite ausgefüllt war.
Mein Gott, ich spürte förmlich die Erwartung, die einen übermannen musste, wenn sich der mir bietende Anblick des toten Eingang einen anderen Hintergrund hatte. Ich nicht ich bin, sondern ein Gast, der darauf wartete, dass sich das zweiflügelige Tor öffnete und jeden Wunsch nach Aussicht übertraf.
Irgendwo im Hirn, wo sich Informationen der Augen mit Ahnungen treffen, braute sich bei mir ein Gewitter zusammen. Zugegeben war ich nicht als hohler Spaziergänger unterwegs, der sich ausschließlich dem Wegesrand und der guten Luft widmete, aber die zunehmend unheimlichen Gegebenheiten drängten sich mir förmlich auf. Welch ein Glück ich hatte, da sich der Keim, den ich dringend zur Erholung brauchte, ohne mein Zutun festgesetzt hatte und eifrig anlagerte. Ich musste nur die Augen offen halten, den Rest besorgte der Instinkt.
Recht schnell ging ich geradeaus zurück zum rautenförmigen Vorplatz vor dem Tor und schneller, als ich reagieren konnte, lag ich auf der Nase. Unbedacht des glitschigen Bodens verlor ich an der leicht abschüssigen Stelle zwischen Weg und Gartentor den Halt und rutschte auf der nassen Erde aus. Die Hüfte rettend nach oben gestemmt, lag mein Oberarm und die komplette Beinseite im Dreck, als würde ich eine gymnastische Übung absolvieren. Um aufzustehen musste ich beide Knie im Dreck versenken, mich mit den Händen aufstützen und die Schuhspitzen tief in den Schlamm graben. Während der ganzen, erniedrigenden Aktion blieben meine Augen wie der Griff zum rettenden Seil, an dem Bänkchen haften und mein Gehirn kapriolte mir ein eng sitzendes Publikum auf eben dieser Bank, die dem Schauspiel vergnügt beiwohnten. Applaus und ich stand mit leicht gespreizten Beinen, die Sohlen der Schuhe in den Matsch grabend mit Blick zur imaginären Menschenmenge und dümmlich grinsend. Hatte mich, abgesehen von den geladenen Gästen, irgendjemand unfreiwillig beobachtet? Mit dem Rücken zum Tor konnte ich einen großen Teil der Streuobstwiesen einsehen, aber weit und breit war keine Menschenseele auszumachen. Gott sei Dank war ich alleine.
Zögerlich machte ich einen kleinen Schritt zur Seite, blickte nach unten und stellte unberührten, griffigen Rasen fest. Ich hätte die Stelle zum Ausrutschen nicht besser treffen können. Auf der ganzen großen Fläche gab es nur einen höchstens zwei Meter breiten und langen Streifen, der keinen Bewuchs hatte. Reifenspuren gingen kreuz und quer, hatten dem Gras keine Chance gelassen und legten bloße, nasse Erde frei, die mir zum Verhängnis geworden war. Mein Sturz hatte das Reifenmuster derart zerstört, dass er sich wie die Schleifspur eines großen und schweren Gegenstandes darüberlegte. Ich hatte die interessanteste Stelle nun mit meinem eigenen Körper aufs Deutlichste markiert und alle anderen Spuren perfekt verwischt. Es war bestimmt nicht meine Absicht, mich derart in die Geschichte einzubringen. Ehrlich gesagt, wär ich jetzt gerne gegangen und hätte eine noch bessere Geschichte meinem aufmerksamen Nachfolger hinterlassen, der sicher hocherfreut über Schleifspuren genau an dieser Stelle gewesen wäre. So wird Geschichte verfälscht, aber ein schlüssiges Konstrukt hat uns von je her entspannt über langweilige Tatsachen hinwegsehen lassen.
Ich konnte und wollte aber den Platz nicht verlassen, obwohl sich die Schleifspur in meiner Geschichte leider nicht verwerten lassen würde.
In der folgenden Zeit, die ich dort verbrachte, ließen die weiteren Entdeckungen meine dramaturgische Zutat zusehends verblassen. Es sollte noch dicker kommen und dafür konnte ich nun wirklich nichts.
Ich scannte die Gegend und stieß auf ein kleines Bäumchen, an dem eine enorm große Stütze angebunden war. Als Besitzer eines Gartens und eigenen Bäumen kannte ich den Unterschied zwischen einem jungen und einem ausgewachsenen Baum. Bei diesem handelte es sich um ein Bäumchen, dessen Krone ich mit gerecktem Arm ohne Hilfsmittel erreichen konnte. Also entweder um ein gezüchteten Niedrigwuchs, der einfacheren Ernte wegen, oder einem Zwergenwuchs. Jedenfalls war die Stütze sowohl überflüssig als auch überdimensioniert. Trotzdem war der recht dünne Holzstab an einem einigermaßen starken Ast mit einem Kabelbinder befestigt und überragte die Krone um das Doppelte. An seinem Ende befand sich ein galgenähnlicher Abschluss, der seinem Aussehen alle Ehre machte, zumal weithin sichtbar wie es sich für einen Galgen gehört.
Ich stand immernoch wie angewurzelt mit Klumpen von Erde an den Schuhen und dem Garten im Rücken neben seinem Zugang und überlegte krampfhaft den Sinn der Installationen und im Weiteren ihren Zusammenhang.
In meinem Kopf formte sich die Idee, den Platz geometrisch zu sehen, ihm Form und Ziffern zu geben. Das hatte schon bei der Entschlüsselung der Pyramiden geholfen und da sprach später keiner mehr von Größenwahn. Vielleicht hatte ich mit meiner Phantasie recht. Sie war so oft diejenige, die den Anstoß gab, die aus Geschichten Realität machte, die den Schlüssel für so manches Verbrechen parat hielt, die an einer Kreuzung unkonventionell nach oben zeigte, um damit den Blickwinkel in die klärende Richtung abänderte. Sicher bin ich mit ihrer Begleitung oft gescheitert, hab mich lächerlich gemacht und wurde enttäuscht. Aber sie kann auch in jedem Moment genau richtig liegen und wann dieser da ist, weiß keiner.
Sie war jetzt auch diejenige, die mich vom Nachhauseweg abhielt. Und, obwohl es schon anfing zu dämmern, was dem Ort einen zusätzlichen Kick ins Okkulte gab, machte ich mich auf den Weg, die Festung zu umrunden.
Bei der tiefgrünen und dichten Hecke handelte es sich um Thuja. Die gute, alte Pflanze, die abendländisch gern als Mauer missbraucht wird, weil sie hier solitär kaum wachsen würde. Zehn, zwanzig, in diesem Fall zu Hunderten werden sie zum verflochtenen Wuchs dicht aneinander gesetzt nur mit dem Ziel, eine gefällige Alternative zur Betonversion darzustellen. In den Pflanzenzentren stehen sie in der Abteilung Immergrün, das zieht und ist neben dem Attribut „winterhart“ ein Garant für erfolgreiches Gärteln ohne Kenntnisse. Trotz allen Versprechen gibt es keine Garantie für zuverlässige Gesundheit im Pflanzenreich und Kümmerchen, die einer besonderen Pflege bedürfen oder tatsächlich sich nur als Einzelpflanze behaupten können.
In dieses resignierte Pflänzchen legte ich all meine Hoffnung, als ich den schmalen Pfad entlang des grünen Bollwerks aufnahm. Der eher von Tieren als von Menschen genutzte Weg führte so päb (es gibt im Hochdeutschen keinen Ausdruck, der die Nähe treffender beschreiben könnte) an der Hecke entlang, dass meine Schulter ein raschelndes Rattern an der Heckenwand verursachte. Inzwischen drang auch die Feuchtigkeit vom Sturz unangenehm durch den Stoff. Auch mein Gesicht war dreckverschmiert, der langsam trocknete und auf der Haut spannte. Vom Ellenbogen ging ein dumpfer Schmerz aus und strahlte hinauf zur Schulter. Ich hatte die Gartenseite leider so gewählt, dass diese vom Sturz lädierte Seite dauernd an den Thujazweigen hängenblieb, wie zur Erinnerung, dass ich hier eigentlich nichts zu suchen hätte.
Nichts brachte mich von meiner Suche nach Fehlern des Gegenspielers ab. Ich hatte Blut geleckt und wollte um keinen Preis die Arena verlassen. Ich konnte meine Aufregung kaum noch bändigen und war willens, wenn nötig die ganze Nacht ums Carree zu laufen. Die Zuversicht, ganz nah an einer sensationellen Entdeckung zu sein, hatte sich fast materialisiert und gab mir das Gefühl, mich an der Hand genommen zu haben. Allerdings war klar, dass sie loslassen würde, falls etwas Seltsames auftauchen sollte. So war ich auf meinem Weg entlang der grünen Festung erst mal fürsorglich begleitet, in dem Moment, als ich die tote Thuja entdeckte, war ich wieder allein. Man kennt das von unliebsamen Behördengängen oder dem Vorsprechen bei der Schuldirektorin. Bis zur Tür sind alle dabei, aber wehe es dröhnt ein Herein durch die Furt. Geh du mal vor, ist ja dein Ding. Eigentlich.
Irgendwie nackt stand ich nun vor dem Fenster, das die Thuja im Todeskampf geöffnet hatte und nahm erleichtert den überraschend ungenügenden Blick ins Innere des Gartens wahr, den die dürren Ästchen immer noch reichlich versperrten.
Anscheinend war vom Besitzer des Gartens die Lücke schon längst bemerkt worden, denn mir war nur möglich, einen geraden Streifen des Innenlebens zu erhaschen, gegen die seitlichen Blicke waren grüne Plastikbahnen gespannt, die perfekt jeglichen Informationswert des freien Blickes vereitelten.
Ich sah einen betonierten Weg an dessen Ende ein Sandsteintisch stand, dahinter eine Bank, ebenfalls aus Stein und an deren Anschluss ein betonierter Teich in quadratischer Form. Die direkte Umgebung war aufgeräumt und hügelig. In der Nähe der Hügel waren kleine Blumenrabatte gepflanzt, auf den Hügeln standen Tannen. Ich konnte erahnen, dass auf dem Gelände mehrere Hütten standen, aber die Vermutung basierte auf Schatten, die nicht sichtbare, größere Gebilde werfen. Mehr war nicht auszumachen. Ich war soweit an der Längsseite gegangen, dass ich mich kurz vor dem rechten Winkel zur gegenüberliegenden Schmalseite zum Tor befand. Diese Tatsache erlaubte mir zudem die Sicht auf die innere Schmalseite. Eine riesige Bockleiter mit breitem Tritt an der Spitze stand direkt vor der Hecke. Das glänzende Aluminium und die Räder an einer Fußseite erklärten mit aller Deutlichkeit, wo die Prioritäten des Besitzers angesiedelt sind. Bei all den Geheimnissen, die ich durch die verstorbene Thuja erfuhr, blieb trotz allem die Erkenntnis zum Zweck einer solch aufwändigen Komposition im Dunkeln.
Auch ich musste meine phantastische Begleiterin zügeln, die schnell mit okkulten Zermionellen bei der Hand war. Für meine Begriffe hätte etwas mehr Schwarz dabei sein sollen, um sie frei wirken lassen zu können. Als ich meinte, alles gesehen zu haben, setzte ich meinen Weg fort. Wo eine Thuja sich verabschiedet hatte könnte durchaus noch weitere kommen. Abermals versank ich in Gedanken, meditierte fast mit den Eindrücken, als ich tatsächlich eine erneute Lücke fand. Die Lücken waren aus dem spitzen Winkel, den der Weg bot, erst in dem Moment zu sehen, als man direkt davor stand. Dieser zweite Einblick war offensichtlich noch älter und direkt im Innern mit grüner Folie abgedeckt. Keine Chance auch nur ein winziges Detail zu erhaschen. Das einzige, was ich sah, war die enorme Dicke der Hecke, fast anderthalb Meter, und ich konnte der Querschnitt als pfeilförmig ausmachen. Mehr war nicht.
Die zweite Längsseite war von einem angrenzenden Garten verdeckt, der weit weniger Wert auf Unsichtbarkeit legte, aber er verwehrte mir die unmittelbare Nähe. Ich ging meine Beobachtungen durch und wehrte mich verzweifelt gegen das aufkommende Gefühl, wieder mal Blutrünstiges in Rote Bete Saft gesehen zu haben und, vor allem, die Phantasie zu früh verabschiedet zu haben.
Klammernd ging ich den Anfang der Begegnung durch. Reifenspuren, die Bank gegenüber, der Galgen, der gut als nicht geeignete Aststütze durchgehen kann, die sehen nunmal so aus wie ein Galgen. Ich hatte von der Bank aus auf das Tor geschaut. Über dem gut zweieinhalb Meter hohen Tor hätte der Winkel ausgereicht, um zumindest den oberen Teil der Gartenbäume sehen zu können. Weil aber heute ein starker Wind ging, war ich geräuschunempfindlich und bemerkte erst jetzt das flatternde Geräusch, das mir in der Bankposition anscheinend unterbewusst aufgefallen war. Ich ging schneller. Der kalte Ostwind, der mich den ganzen Spaziergang über so fürchterlich gestört hatte, kalt und böig wie er war, wurde jetzt in seiner Beständigkeit von mir geradezu beschworen. Ich musste die Bank erreichen, bevor er abflaute, wie es zum Abend hin in der Vorhersage stattfinden sollte. Jede Windstille wurde zur Qual, machte des Rätsels Lösung unerreichbarer. Mein Herz schlug wie wild, weil alles vor mir lag, ich nur zur rechten Zeit am richtigen Ort sein musste, keine Phantasie brauchte, meine Geschichte vor mir lag und ich nur noch zugreifen musste. Der Wind sollte sie mir zutragen und mich lehren, keinen einzigen Hinweis mehr außer Acht zu lassen. Meine Anspannung steigerte sich bei all den euphorischen Gedanken bis zum Bersten. Es lagen immer noch bestimmt fünfzig Meter vor mir und ich konnte die Bank nicht sehen. Ich bekam eine Ahnung von Raserei. Ich war die einzige, die das Geheimnis aufdecken konnte. Wer sonst war in der Lage, solche harmlosen Eindrücke miteinander so zu kombinieren, das sie zu einem perfiden Plan zusammen zu schmieden waren, dessen detektivische Arbeit eine ähnlich kriminelle Energie brauchte wie die Täter selbst haben.
Zu meinem Glück wurde der Wind eher stärker, drückte mich an den Metallzaun des angrenzenden Grundstücks und blies mir ins Gesicht. Ich stemmte mich dagegen, wurde aber langsamer und erreichte die Bank in recht abgekämpfter Kondition. Wie selbstverständlich setzte ich mich auf die maroden Planken, die wettergegerbt silbern glänzten. In meiner Hand hielt ich einen kleinen Strauß Schlüsselblumen, den ich schon zu Beginn meines Spazierganges gepflückt hatte. Vom Sturz und dem langen Halten ließ er die Köpfchen hängen, aber das konnte man mit genügend Wasser und einem Schnitt der Stilenden beheben. Erst als sich die grüne Plane oberhalb des Tores im Wind bewegte, für kurze Augenblicke die riesige Glasfront preisgab und nach unendlich langem Warten endlich wie ein Vorhang zurückgezogen wurde, das Tor langsam aufging und die Scheinwerfer mir den Weg zeigten wusste ich, dass ich angekommen war.
rinpotsche - 8. Apr, 01:51